87 Tipps für mentale Gesundheit? Warum ich dir lieber Fragen stelle

Indira Gupta draußen in der Natur – Beitragsbild zum Thema Tipps für mentale Gesundheit

Ich sollte für diese Woche einen Artikel schreiben: 80+ Tipps für mentale Gesundheit aus meinen Jahren als Coach.

Bekommen wirst du sie nicht. Denn gerade aus meiner Arbeit habe ich gelernt, dass es selten an noch mehr Wissen fehlt. Viel entscheidender ist oft die Frage, wie du herausfindest, was für dich gerade passt.

Kurzantwort:
Nach vielen Jahren als Coach für Mentale Gesundheit könnte ich dir problemlos 80 oder mehr Tipps aufschreiben. Ich mache es trotzdem nicht, weil eine lange Liste schnell zur nächsten Messlatte wird. Mir ist wichtiger, dass du wieder unterscheiden kannst, was dir wirklich guttut, was du nur glaubst tun zu müssen und was hinter deinem Verhalten steckt.

Zu viele Antworten

Vor ein paar Tagen stand ich in einer Buchhandlung vor einem ziemlich großen Regal mit Büchern über Bewusstsein, persönliche Entwicklung und mentale Gesundheit. Ich mag Buchhandlungen und kann mich darin wunderbar verlieren: ein Buch aus dem Regal ziehen, den Klappentext lesen, noch eines entdecken und irgendwann feststellen, dass deutlich mehr Zeit vergangen ist, als ich dachte.

Diesmal stand ich eine Weile vor diesem Regal und dachte: Das sind ganz schön viele.

Bücher über Morgenroutinen, Meditation, Achtsamkeit, Gewohnheiten, Produktivität, Nervensystem, Grenzen, Schlaf, Ernährung, Selbstliebe, Loslassen und das richtige Leben sowieso. So viele Antworten auf die Frage, wie es dir besser gehen könnte.

Regal mit Büchern über persönliche Entwicklung, Produktivität und mentale Gesundheit
Zwischen Ratgebern, Methoden und Selbstoptimierung kann das eigene Spüren schnell leiser werden.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit mentaler Gesundheit und persönlicher Entwicklung. Ich lese viel, bilde mich fort, probiere Dinge selbst aus und arbeite täglich mit Menschen, die etwas in ihrem Leben verändern möchten. Viele dieser Bücher enthalten wertvolles Wissen. Trotzdem hatte ich vor diesem Regal irgendwann das Gefühl: Es reicht auch mal.

Ein paar Tage später kam der Auftrag für diesen Artikel: 87 Tipps für mentale Gesundheit. Da musste ich lachen.

87 Tipps hätte ich zusammenbekommen

Schlaf, Bewegung, Pausen, Tageslicht, Beziehungen, Natur, Atmung, Meditation, Ernährung, Selbstmitgefühl und Grenzen – auf 87 Tipps wäre ich vermutlich locker gekommen.

Vieles davon lässt sich gut begründen.
Regelmäßige Bewegung kann die psychische Gesundheit unterstützen, Schlaf ist wichtig für Erholung und Regulation, soziale Beziehungen können stabilisieren und auch das Nervensystem braucht Phasen, in denen es nicht dauerhaft auf Alarm läuft. Mit all diesen Themen arbeite ich auch im Coaching.

Nur erlebe ich selten Menschen, denen vor allem Wissen fehlt. Viele wissen ziemlich genau, was ihnen guttun würde. Sie wissen, dass sie mehr Pausen brauchen, dass Bewegung ihnen hilft und dass es ihnen vermutlich guttäte, früher ins Bett zu gehen oder das Handy am Abend wegzulegen.
Und trotzdem klappt es manchmal nicht.

An dieser Stelle interessieren mich andere Fragen: Was passiert in diesen Momenten? Was hält dich davon ab? Was brauchst du? Und wofür könnte das, was du gerade tust, vielleicht einen guten Grund haben?

Wenn mentale Gesundheit zur nächsten Aufgabe wird

Die Fülle an Ratschlägen hat aus meiner Sicht auch eine Kehrseite. Je mehr du darüber erfährst, was du alles für deine Gesundheit tun kannst, desto leichter kann daraus ein neues Soll werden: Ich müsste meditieren. Ich sollte mehr Sport machen. Ich müsste mich besser abgrenzen. Ich sollte morgens erst einmal zehn Minuten atmen. Ich müsste gesünder essen. Ich sollte endlich konsequenter sein.

Aus etwas, das uns unterstützen sollte, kann so schnell eine weitere Messlatte werden.
Selbst Nichtstun kann plötzlich zu etwas werden, das du auch noch richtig machen willst. Warum es so schwer sein kann, wirklich Pause zu machen, habe ich in Pause machen: Warum Nichtstun schwerfällt – und guttun kann beschrieben.

Zwei leere Gartenstühle unter Bäumen mit Blick ins Grüne
Eine Pause muss nichts leisten, damit sie wertvoll ist.

Das begegnet mir auch in meiner Arbeit. Menschen kommen zu mir und wissen erstaunlich gut, was sie alles anders machen sollten. Sie haben Bücher gelesen, Podcasts gehört, Apps ausprobiert und Übungen gemacht. Die Frage ist dann oft nicht, welche weitere Methode noch helfen könnte, sondern: Was davon passt überhaupt zu dir?

Denn Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Rückzug kann Schutz sein, Kontrolle kann Sicherheit geben und Vermeidung kann irgendwann eine sinnvolle Antwort auf Überforderung gewesen sein. Auch Gewohnheiten, die heute stören, hatten häufig einmal eine Funktion.

Du kannst sehr viel darüber wissen, was dir guttun würde. Das hilft nur begrenzt, wenn du nicht verstehst, warum du an genau dieser Stelle immer wieder hängenbleibst. Warum eine Pause sich vielleicht nicht nach Erholung anfühlt. Warum Nein sagen so schwer ist. Oder warum du weitermachst, obwohl du längst merkst, dass es zu viel wird.

Deshalb interessiert mich zuerst, was ein Verhalten für dich leistet und woher es kommen könnte.

Diese Haltung begleitet mich auch beim Thema Loslassen: Oft beginnt Veränderung damit, erst einmal zu verstehen, warum etwas so geworden ist, wie es heute ist. Mehr dazu habe ich in Loslassen lernen: Warum Verstehen der erste Schritt ist geschrieben.
Erst dann schauen wir gemeinsam darauf, was du verändern möchtest.

Das heißt nicht, dass alles so bleiben muss. Es macht aber einen Unterschied, ob ich mich mit dem Gedanken verändere, dass mit mir etwas nicht stimmt, oder ob ich verstehen kann: Es gibt einen Grund, warum ich heute so reagiere. Und ich kann trotzdem entscheiden, ob und was ich verändern möchte.

Kann ich überhaupt noch spüren, was mir guttut?

Ein Begriff, mit dem ich in meiner Arbeit immer wieder zu tun habe, ist Interozeption. Damit ist die Wahrnehmung von Signalen aus dem eigenen Körper gemeint: Herzschlag, Atmung, Hunger, Temperatur, Anspannung, Unruhe oder Erschöpfung. Wenn du dazu noch etwas weiter lesen möchtest, findest du bei Spektrum einen verständlichen Artikel über Interozeption und die Signale aus dem Körperinneren.
Forschung beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv damit, wie diese Wahrnehmung mit emotionalem Erleben, Stress und psychischer Gesundheit zusammenhängt.

Mehr darüber, wie wir den Kontakt zu unseren Körpersignalen wieder stärken können, findest du in meinem Artikel Vom Kopf zurück ins Spüren.

Für mich ist daran vor allem wichtig: Ich kann nur schwer gut für mich sorgen, wenn ich kaum wahrnehme, wie es mir eigentlich geht. Gleichzeitig ist dieses Spüren nicht für jeden Menschen selbstverständlich. Gerade wenn der Körper lange vor allem mit Anspannung, Überforderung oder Schutz verbunden war, kann es Zeit brauchen, die eigenen Signale wieder besser einzuordnen.

Kaffee und Baguette auf einem Holztisch draußen
Manchmal liegt die Antwort näher am eigenen Bedürfnis als an der nächsten Regel.

Auch deshalb können all die Empfehlungen manchmal eher verwirren. Wenn ich morgens zuerst überlege, was eine gesunde Morgenroutine von mir verlangt, höre ich womöglich gar nicht mehr hin, was mein Körper an diesem Morgen braucht.

Ich kenne das selbst von meinen Wechselduschen. Ich dusche relativ regelmäßig warm und kalt im Wechsel, kenne die Wirkung von Kältereizen und weiß, dass sie mir oft guttun. Trotzdem gibt es Morgen, an denen ich unter der warmen Dusche stehe und überhaupt keine Lust habe, den Hahn auf kalt zu drehen.

An manchen Tagen merke ich ziemlich genau: Indira, du drückst dich gerade. Mein Körper protestiert kurz gegen das kalte Wasser, gleichzeitig weiß ich, dass ich mich danach wacher und klarer fühlen werde. Dann drehe ich den Hahn auf kalt, auch wenn Begeisterung anders aussieht. Hinterher bin ich meistens froh darüber.

Indira Gupta mit geschlossenen Augen draußen in winterlicher Landschaft
Mentale Gesundheit beginnt auch damit, die eigenen Körpersignale wieder wahrzunehmen.

An anderen Tagen fühlt es sich anders an. Ich bin erschöpft, friere ohnehin schon oder merke, dass ich an diesem Morgen Wärme brauche. Dann bleibt das Wasser warm. Inzwischen geht es mir vor allem darum, diesen Unterschied wahrzunehmen: Weiche ich gerade einer kleinen Unbequemlichkeit aus oder lasse ich etwas, weil es mir heute tatsächlich nicht guttut?

Darauf gibt es keine Tabelle. Und natürlich schätze ich mich dabei auch mal falsch ein. Für mich gehört das zur Selbstregulation dazu: Erfahrungen sammeln, wahrnehmen, entscheiden, beobachten, was passiert, und beim nächsten Mal wieder neu schauen. Eine Ausnahme macht aus einer hilfreichen Gewohnheit noch kein Scheitern.

Was willst du wirklich wirklich?

In meinem Newsletter „MeeresLauschen statt GedankenRauschen gibt es am Ende oft eine Rubrik mit dem Titel „Zum Mitnehmen“. Darin stehen selten Tipps. Meistens stelle ich eine oder zwei Fragen.

Eine davon mag ich besonders: Was willst du wirklich wirklich?

Das zweite „wirklich“ gehört für mich dazu. Beim ersten kommen oft schnelle Antworten: Ich will mehr Sport machen. Ich will weniger Stress. Ich will endlich konsequenter sein. Ich will produktiver werden.

Beim zweiten lohnt es sich, kurz stehen zu bleiben. Willst du mehr Sport machen, weil dir Bewegung fehlt und du dich wieder lebendiger fühlen möchtest? Oder weil du das Gefühl hast, ein disziplinierter Mensch müsse dreimal pro Woche trainieren? Willst du produktiver werden, weil dir ein Vorhaben wichtig ist? Oder möchtest du abends endlich das Gefühl haben, genug geleistet zu haben? Und willst du besser Grenzen setzen oder eher lernen auszuhalten, dass andere Menschen eine Grenze vielleicht nicht gut finden?

Diese Fragen führen häufig näher an das heran, worum es eigentlich geht. In der Motivationsforschung spielt Autonomie eine wichtige Rolle. Veränderungen lassen sich oft besser halten, wenn wir erleben: Das ist meine Entscheidung. Das passt zu mir. Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan beschreibt Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als wichtige psychologische Bedürfnisse.

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Das erkenne ich auch in meinen Coachings. Eine Veränderung fühlt sich anders an, wenn sie aus einem eigenen Wunsch entsteht und nicht nur aus der Idee, endlich etwas richtig machen zu müssen. Deshalb frage ich im Coaching häufig: Was brauchst du gerade? Was davon fühlt sich nach dir an? Was versuchst du vielleicht nur richtig zu machen? Wovor schützt dich dieses Verhalten? Was möchtest du behalten und was möchtest du verändern?

Ich kenne deine Antworten darauf nicht. Ich bringe Wissen über Stress, Trauma, Selbstregulation, Nervensystem, Ressourcen und Veränderungsprozesse mit. Vor allem kann ich dir zuhören, mit dir auf Zusammenhänge und Muster schauen, Fragen stellen und Ideen anbieten. Dein Leben kenne ich trotzdem nur aus dem, was du mir erzählst. Du lebst darin.

Für mich geht es dabei auch um Empowerment: darum, die eigenen Bedürfnisse, Möglichkeiten und Entscheidungen wieder ernster zu nehmen. Ich kann dir Wissen, Fragen und Perspektiven anbieten. Was für dich passt und welchen Schritt du gehen möchtest, entscheidest du.

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Also keine 87 Tipps

Ich werde weiterhin Bücher über mentale Gesundheit lesen, mich fortbilden, Studien lesen, Dinge ausprobieren und meinen Klient:innen Ideen mitgeben, von denen ich glaube, dass sie hilfreich sein könnten. Ich mag Wissen sehr. Ich möchte nur nicht, dass daraus die nächste Liste wird, an der du dich misst.

Du darfst etwas ausprobieren und feststellen, dass es nichts für dich ist. Du darfst eine Routine eine Zeit lang lieben und sie irgendwann wieder loslassen. Dieses Erlauben ist für mich auch ein Teil von Selbstliebe: wahrzunehmen, was du brauchst, ohne daraus gleich die nächste Pflicht zu machen. Darüber schreibe ich auch in Selbstliebe in der Weihnachtszeit – wenn dein Nervensystem leiser werden darf.

Du darfst merken, dass du dich gerade drückst, und genauso merken, dass du eine Pause brauchst. Und du darfst genauer hinschauen, wenn du an einer Stelle immer wieder hängenbleibst.

Deshalb bekommst du von mir heute keine 87 Tipps für mentale Gesundheit, sondern diese eine Frage:

Was von all dem, was du glaubst tun zu müssen, willst du wirklich wirklich?

Wenn du merkst, dass die Antwort darauf nicht leicht ist, ist das kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch machst. Vielleicht lohnt es sich, genau dort einmal genauer hinzuschauen. Wenn du dabei Begleitung möchtest, können wir im Coaching gemeinsam sortieren, was gerade Schutz ist, was dir guttut und was du in deinem Leben verändern möchtest. Wie ich arbeite und was Coaching bei mir bedeutet, findest du unter Was ist Coaching? und Mit mir zusammenarbeiten.

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Der LifeSurfer Newsletter für mentale Gesundheit

Bild von Indira Gupta

Indira Gupta

Hi, ich bin Indira – LifeSurfer und Coach für mentale Gesundheit.
Ich begleite Menschen, die im Privaten wie im Beruf vor großen Wellen stehen. Mit traumasensiblem Coaching, EMDR und Mentoring unterstütze ich sie dabei, innere Stärke, Verbundenheit und Leichtigkeit zu finden.
Coaching, Workshops & Retreats für bewusste Führung und mentale Gesundheit.
www.life-surfer.de

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