Ich erinnere mich an Zeiten, da sah ich eine freie Stelle in meinem Kalender und dachte ziemlich schnell: Da geht doch noch was.
Ein freier Nachmittag? Perfekt für einen Termin. Eine Stunde ohne Verpflichtung? Da könnte ich Sport machen. Ein Wochenende ohne Plan? Da lässt sich bestimmt etwas Schönes organisieren oder die Küchenschränke aufräumen.
Pause machen hieß für mich häufig: etwas anderes machen. Sport statt Arbeit, Freunde treffen statt Termine, ein Ausflug, Meditation, Wellness oder ein gutes Buch. Viele dieser Dinge mache ich bis heute gerne.
Mein Kalender war voll. Und ein voller Kalender fühlte sich lange auch irgendwie gut an – nach Leben, nach Möglichkeiten, nach Produktivität.
Irgendwann habe ich allerdings verstanden: Wenn ich ständig von einer Aktivität in die nächste wechsle, habe ich zwar das Programm verändert. Aufgehört habe ich deshalb noch lange nicht.
Heute gehe ich bewusster mit freien Zeiten um. Ich lasse Lücken stehen, weil ich weiß, wie wertvoll sie für mich sein können. Automatisch passiert das trotzdem nicht.
Eine unverplante Stunde taucht auf, und irgendwo in mir meldet sich noch immer eine Stimme:
Die könntest du doch sinnvoll nutzen.
Und manchmal folgt ein Wort
Faul.
Kurzantwort:
Eine Pause zu machen bedeutet für mich heute mehr, als für eine Weile die Aktivität zu wechseln. Sie kann ein Raum sein, in dem Erlebtes nachwirkt, ein Gedanke sich setzt oder eine Entscheidung langsam reift.
Deshalb lasse ich inzwischen bewusst Lücken in meinem Kalender. Das gelingt mir nicht automatisch, weil alte Vorstellungen von Leistung, Fleiß und Faulsein immer wieder auftauchen.
Dann erinnere ich mich daran: Eine freie Stunde muss keinen Zweck erfüllen. Ich muss nicht jede Minute meines Lebens verwerten.
Pause machen, obwohl noch Platz im Kalender ist
Was ein leerer Fleck im Kalender auslösen kann, finde ich bis heute spannend. Früher habe ich sehr schnell gesehen, was dort noch hineinpasst.
Das hatte durchaus schöne Seiten. Ich bin gerne aktiv, liebe Menschen, Ideen, Projekte, Bewegung, Reisen, das Meer und gute Gespräche. Für vieles kann ich mich begeistern. Deshalb ist mein Kalender auch heute selten völlig leer.
Der Unterschied liegt inzwischen an einer anderen Stelle: Ich möchte freie Zeit nicht mehr automatisch als verfügbare Zeit betrachten.
Ein freier Nachmittag darf ein freier Nachmittag bleiben. Ich muss morgens noch gar nicht wissen, ob ich später spazieren gehe, auf dem Sofa lande, jemanden treffe oder mit einem Kaffee irgendwo sitze und Löcher in die Luft starre.
Ja, auch Löcher in die Luft starren darf inzwischen Platz in meinem Leben haben. Ganz ohne Zertifikat in effizientem Löcherstarren.
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Auch Erholung kann beschäftigt sein
Beim Thema mentale Gesundheit begegnet mir oft eine sehr aktive Vorstellung von Erholung: Yoga, Meditation, Sport, Atemübungen, Waldbaden, Journaling, Sauna oder ein inspirierender Podcast beim Spaziergang.
Ich mag vieles davon. Und gleichzeitig kann aus all diesen wunderbaren Dingen wieder ein Programm werden.
17 Uhr Yoga.
18.30 Uhr gesund kochen.
20 Uhr Meditation.
Danach ausreichend schlafen.
-> Erholung erfolgreich erledigt.
Ich überspitze ein wenig. Ganz fremd ist mir dieser Mechanismus allerdings nicht. Selbstfürsorge kann sich irgendwann wie ein weiterer Punkt auf einer To-do-Liste anfühlen.
Dann brauche ich manchmal keine bessere Beschäftigung, sondern ich brauche weniger Beschäftigung.
Das bedeutet nicht, dass aktive Erholung keine Erholung wäre. Ein Spaziergang, Bewegung, Begegnungen oder Kreativität können sehr wohltuend sein. Entscheidend ist für mich eher die Frage, ob ich mich freiwillig dafür entscheide – oder ob ich nur die nächste Aufgabe in einem anderen Gewand erfülle.
Dieses verdächtige Gefühl, faul zu sein
Hinter dem Wunsch, Zeit sinnvoll zu nutzen, steckt häufig mehr als Gewohnheit. Da liegen Glaubenssätze und Vorstellungen darüber, was Fleiß bedeutet, wann ein Tag gelungen ist, wie viel ich leisten sollte und wann Erholung erlaubt ist.
Viele dieser Sätze habe ich früh gehört:
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
„Von nichts kommt nichts.“
„Wer rastet, der rostet.“
Solche Sätze müssen irgendwann gar nicht mehr ausgesprochen werden. Sie laufen einfach mit.
Und dann bekommt Faulsein plötzlich eine moralische Qualität:
Fleiß ist gut. Faulheit ist schlecht.
So schlicht kann sich diese innere Rechnung anfühlen.
Heute interessiert mich deshalb eine andere Frage: Was bezeichne ich eigentlich als faul?
Eine Stunde auf dem Sofa? Ein Sonntag ohne Pläne? Nachmittags in der Sonne sitzen, obwohl noch Wäsche wartet? Ein Buch lesen, das mich beruflich kein Stück weiterbringt? Oder einfach gerade nichts aus meiner Zeit herausholen wollen?
Wenn ich merke, dass sich in mir Widerstand gegen eine Pause regt, schaue ich inzwischen genauer hin:
Welcher alte Satz ist da gerade aktiv? Welche Vorstellung davon, wie ich sein sollte? Und gehört sie heute überhaupt noch zu mir?

Du funktionierst. Du bist für andere da.
Aber wann warst du zuletzt wirklich bei dir?
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Ich habe meinen Umgang mit Pausen verändert
Diese Geschichte hat kein ordentliches Vorher und Nachher.
Problem erkannt, Pause gelernt, fertig.
Schön wär’s.
Ich habe meinen Umgang mit freien Zeiten bewusst verändert. Und ich muss ihn mir immer wieder bewusst machen. Es gibt Wochen, da gelingt mir das leicht. Räume bleiben offen, und ich habe wenig Bedürfnis, jede Minute zu planen.
Dann kommen Phasen, in denen sich mein Kalender wieder erstaunlich schnell füllt – vor allem dann, wenn mich etwas begeistert, viele Ideen gleichzeitig da sind oder vieles möglich scheint.
Dann hilft mir eine einfache Frage:
Muss da wirklich noch etwas hinein?
Nicht als neue Regel, sondern als kurze Unterbrechung meines Automatismus.
Entwicklung braucht Zwischenräume
Ich erlebe das auch in meiner Arbeit als Coach für Mentale Gesundheit. Menschen kommen mit dem Wunsch, etwas zu verändern, eine Entscheidung zu treffen, ein Verhalten besser zu verstehen oder eine neue Richtung zu finden.
Der naheliegende Impuls lautet oft: noch mehr darüber nachdenken.
Noch eine Frage.
Noch ein Buch.
Noch ein Podcast.
Noch ein Gespräch.
Noch eine Methode.
Ich kenne diesen Impuls selbst gut. Einige Antworten tauchen allerdings erst auf, wenn ich aufhöre, sie erzwingen zu wollen. Dann kann sich ein Gedanke setzen, eine Erfahrung nachwirken oder eine Entscheidung langsam herausbilden.

Auch aus meiner Arbeit als Coach mit EMDR kenne ich die Zeit nach einer Sitzung als einen Moment, in dem nicht sofort ein weiterer Impuls nötig ist.
Gerade nach intensiven Prozessen können Zwischenräume wichtig sein. Nicht alles muss sofort eingeordnet, erklärt oder weiterbearbeitet werden. Manches darf zunächst einfach nachwirken und Raum einnehmen.
Aus einem Kreislauf wird schnell eine Gerade
In meiner Coaching-Ausbildung bin ich einem Modell begegnet, das als Schöpfungskreislauf beschrieben wird. Darin gehören vier Phasen zusammen:
Stille → Kreativität → Tat → Korrektur
Die Stille wird unter anderem mit keinem Input, Nichtstun, Erholung und Verarbeitung verbunden. Danach folgen Kreativität und konkrete Umsetzung. In der Phase der Korrektur geht es um Innehalten, Reflektieren und Neuausrichten. Und dann darf wieder die Stille Raum einnehmen. Der Gedanke begleitet mich bis heute.
Denn ich kenne auch diese Variante:
Idee → machen → machen → machen → nächste Idee → weitermachen → nächstes Projekt → wieder machen
Aus dem Kreis wird eine Gerade. Und irgendwann fehlt der Raum, in dem etwas nachwirken, sich neu verbinden oder überhaupt erst klar werden darf.
Vielleicht geht es dabei nicht nur um einzelne Pausen, sondern auch um einen eigenen Rhythmus: Zeiten, in denen ich aktiv bin, und Zeiten, in denen ich langsamer werde. Anspannung und Entspannung, Bewegung und Verweilen, Austausch und Rückzug. Nicht als neuen festen Plan, den ich perfekt einhalten muss, sondern als Orientierung: Was ist gerade dran? Und wann braucht es nicht den nächsten Impuls, sondern eine Unterbrechung?
Der GEO-Beitrag „Wie der eigene Rhythmus vor Burnout schützt“ hat diesen Gedanken für mich noch einmal in eine größere Perspektive gestellt: Nicht nur einzelne Pausen können wichtig sein, sondern auch die wiederkehrende Bewegung zwischen Aktivität und Erholung.
Dafür muss ich keinen halben Tag regungslos auf einem Meditationskissen sitzen. Manchmal reicht ein Übergang, den ich nicht sofort fülle: nach einem Gespräch nicht direkt zum Handy greifen, nach einem Termin fünf Minuten sitzen bleiben, nach einem intensiven Wochenende den Sonntagabend frei lassen oder einen freien Nachmittag nicht verplanen.
Was mich das Surfen über Pausen gelehrt hat
Beim Surfen erscheint mir dieser Gedanke ziemlich selbstverständlich.
Ich paddle raus und sitze irgendwann im Line-up. Ein Set kommt. Ich paddle eine Welle an, surfe sie oder fliege vom Board. Letzteres gehört bei mir durchaus zum Erfahrungsschatz.
Dann geht es wieder hinaus.
Und irgendwann sitze ich einfach da. Das Meer wird ruhiger. Keine Welle zum Anpaddeln. Ich schaue zum Horizont, spüre das Board unter mir und beobachte das Wasser. Manchmal unterhalte ich mich, meistens sitze ich einfach schweigend da.
Auch dieser Moment gehört zum Surfen und ich liebe ihn.
Das Meer erinnert mich daran, dass alles einem Rhythmus folgt: Wellen kommen und gehen, Ebbe und Flut wechseln sich ab, und zwischen zwei kraftvollen Bewegungen liegt immer auch ein Moment des Wartens.
Ich käme draußen im Meer kaum auf die Idee, hektisch herumzupaddeln, nur damit es nach Aktivität aussieht. Das wäre auch ziemlich anstrengend. Das nächste Set lässt sich ohnehin nicht herbeiproduzieren.
Ich kann warten. Schauen. Mich ausrichten. Oder einfach für einen Moment im Meer sitzen.
Genau dieses Gefühl nehme ich in meinen Alltag an Land mit.
Mehr zu den Surf & Soul Retreats findest du HIER.

Eine Pause braucht kein Ergebnis
Natürlich kann es passieren, dass ich nach einer Pause klarer denke, eine Idee auftaucht oder sich eine Entscheidung leichter anfühlt. All das kenne ich.
Trotzdem möchte ich der Pause keinen neuen Leistungsauftrag geben. Sonst lande ich schnell wieder bei derselben Logik: Pause machen, damit ich danach besser funktioniere.
Für mich greift das zu kurz.
Ich darf einen Nachmittag vertrödeln. Ich darf mich langweilen. Ich darf etwas tun, das keinem Ziel dient. Und ich darf auch einfach faul sein.
Dabei möchte ich das Wort nicht länger automatisch als Vorwurf verstehen. Faul sein kann bedeuten, für eine Weile nichts leisten, nichts optimieren und nichts rechtfertigen zu müssen. Es kann eine selbstbestimmte Form von Nichtstun sein – ein Stück Freiheit von der Vorstellung, dass meine Zeit immer etwas hervorbringen muss.
Natürlich ist nicht jeder Rückzug wohltuend. Manchmal steckt hinter dem Nichtstun Erschöpfung, Überforderung oder der Versuch, etwas Belastendem auszuweichen. Aber nicht jede unproduktive Zeit muss deshalb problematisch sein.
Manchmal sitze ich einfach auf dem Sofa, schaue aus dem Fenster oder lasse den Tag an mir vorbeiziehen. Nicht, weil ich aufgegeben habe, sondern weil ich gerade nichts aus mir herausholen muss.
Faul sein.
Ohne Rechtfertigung.
Ohne anschließenden Produktivitätsschub.
Ohne verstecktes Optimierungsziel.
Die Lücke, die du nicht füllst
Schau einmal in deinen Kalender für die kommende Woche. Gibt es dort eine halbe Stunde, eine Stunde oder sogar einen halben Tag, der noch frei ist?
Wenn du möchtest, lass diese Zeit erst einmal frei. Kein Sporttermin, kein Treffen, kein Selbstfürsorgeprogramm und auch keine Aufgabe, die du „endlich mal erledigen könntest“.
Beobachte, was passiert, wenn dieser Zeitraum näherkommt.
Freust du dich darauf? Wirst du unruhig? Fällt dir plötzlich ein, was du alles schaffen könntest? Taucht das Gefühl auf, deine Zeit zu verschwenden? Oder hörst du irgendwo einen alten Satz über Fleiß und Faulheit?
Genau dort kann es interessant werden. Nicht, weil du deine Reaktion sofort verändern musst, sondern weil sie dir etwas über deine inneren Regeln zeigen kann.
Ich habe gelernt, diese Lücken bewusster stehen zu lassen. Und ich lerne es immer wieder neu.
Du musst nicht jede Minute deines Lebens verwerten.
Wenn du dir mehr freie Räume wünschst
Vielleicht merkst du beim Lesen, wie schwer es dir fällt, Pause zu machen oder freie Zeit nicht sofort wieder zu verplanen.
In meinem Coaching für Mentale Gesundheit schauen wir gemeinsam darauf, welche inneren Regeln und Glaubenssätze dabei wirksam sind – in deinem Tempo und mit Blick auf das, was dich im Alltag tatsächlich entlastet.
In einem unverbindlichen Erstgespräch können wir gemeinsam herausfinden, ob eine Begleitung durch mich für dich passend ist.
