Vor einiger Zeit habe ich einen Beitrag über das Loslassen gelesen. Darin stand sinngemäß, dass Festhalten von selbst geschieht, während Loslassen eine aktive Entscheidung braucht – dass es Kraft verlangt und oft erst möglich wird, wenn wir erkennen, dass ein Weg nicht mehr zu uns gehört. Vieles daran hat mich angesprochen. Gleichzeitig hat mich der Beitrag daran erinnert, warum ich vor einigen Jahren mit dem Begriff Loslassen gehadert habe.
„Lass es los“ klingt schnell nach einer einfachen Aufgabe – fast so, als müssten wir nur die Hand öffnen, und fertig. In der Realität erleben viele Menschen das Gegenteil. Sie wissen längst, dass eine Beziehung ihnen nicht guttut. Sie spüren, dass ein Job sie erschöpft. Sie erkennen, dass eine Rolle, eine Hoffnung oder eine Vorstellung vom eigenen Leben nicht mehr trägt.
Und trotzdem halten sie fest.
Die Frage lautet für mich deshalb weniger: Warum lässt du nicht endlich los? Mich interessiert: Was gibt dir das Festhalten gerade?
Kurzantwort:
Loslassen lernen heißt selten, einfach loszulassen. Loslassen fällt oft schwer, obwohl wir längst wissen, dass eine Veränderung gut für uns wäre – weil Festhalten meist eine Funktion erfüllt: Es gibt Sicherheit, bewahrt Hoffnung, schützt vor Trauer oder erhält ein vertrautes Bild von uns selbst. Unser Nervensystem reagiert auf Vertrautheit oft mit mehr Sicherheit, weil sie sich leichter vorhersagen lässt – selbst wenn sie uns Kraft kostet. Verändern können wir erst, wenn wir verstehen, was das Festhalten für uns leistet und warum wir es bisher gebraucht haben.
Festhalten hat meist einen guten Grund
Einer meiner wichtigsten Grundsätze in meiner Arbeit als Coach für Mentale Gesundheit lautet:
Alles Verhalten hat einen guten Grund.
Damit meine ich keine Rechtfertigung für alles, was Menschen tun – Verhalten kann belasten, Beziehungen beschädigen und Entwicklung verhindern. Trotzdem erfüllt es meistens eine Funktion. Auch Festhalten.
Vielleicht vermittelt es Sicherheit. Vielleicht bewahrt es Hoffnung. Vielleicht schützt es vor Trauer, Schuld, Einsamkeit oder dem Gefühl, gescheitert zu sein. Vielleicht hält es ein vertrautes Bild von uns selbst aufrecht.
Von außen wirkt eine Entscheidung manchmal eindeutig. Wer in einer unglücklichen Beziehung lebt, könnte gehen. Wer in einem belastenden Beruf arbeitet, könnte kündigen. Wer an einem unerreichbaren Plan festhält, könnte sich neu orientieren.
Von innen sieht die Welt oft anders aus.
Dort liegen gemeinsame Erinnerungen, Verantwortung, finanzielle Fragen, Zugehörigkeit, Loyalität und Zukunftsbilder. Dort lebt die Hoffnung, dass sich etwas verändert. Dort kann auch die Frage auftauchen: Wer bin ich, wenn ich das aufgebe?
Der Verstand kann längst wissen, welcher Schritt hilfreich wäre. Das Nervensystem braucht manchmal länger.
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Warum das Vertraute sich sicherer anfühlt
Sicherheit gehört zu den zentralen psychophysiologischen Grundbedürfnissen des Menschen. Wir brauchen Orientierung, Bindung, Selbstwirksamkeit und das Gefühl, Einfluss auf unser Leben zu haben. Unser Gehirn versucht fortlaufend, Situationen einzuschätzen und Entwicklungen vorherzusagen – und was wir kennen, lässt sich leichter berechnen. Das gilt sogar für belastende Situationen.
Eine unglückliche Beziehung kann vertraut sein. Ein erschöpfender Beruf folgt bekannten Regeln. Eine alte Rolle gibt Orientierung, auch wenn sie längst zu eng geworden ist. Das Neue dagegen ist offen: Wie werde ich mich fühlen, wenn ich gehe? Wie wird mein Alltag aussehen? Wie reagieren andere Menschen? Werde ich zurechtkommen?
Unsicherheit wird vom Gehirn oft vorsichtshalber als mögliches Risiko bewertet. Deshalb kann das bekannte Unglück für das Nervensystem zunächst sicherer wirken als eine unbekannte Freiheit. Das klingt widersprüchlich – und ergibt aus neurobiologischer Sicht trotzdem Sinn.

Das Nervensystem fragt nach Sicherheit
Die Polyvagal-Theorie beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem – weitgehend unbewusst – auf Sicherheit und Gefahr reagiert. Ein großer Teil dieser Einschätzung geschieht, bevor wir bewusst darüber nachdenken.
Erlebt unser Nervensystem ausreichend Sicherheit, können wir neugierig sein, Möglichkeiten abwägen, kreativ denken und in Kontakt mit uns selbst bleiben.
Wie sich das im Coaching konkret nutzen lässt, beschreibe ich in Was ist EMDR im Coaching?
Bei erlebter Unsicherheit verändern sich unsere Reaktionen: Wir gehen in Aktivierung, etwa Kampf oder Rückzug, oder wir erstarren. Unsere Aufmerksamkeit wird enger, Schutz und Stabilität rücken in den Vordergrund.
In diesem Zustand helfen gut gemeinte Sätze wie „Du musst einfach loslassen“ selten weiter. Der bewusste Teil in uns kann sagen: Ich weiß, dass mir diese Situation nicht guttut. Das Nervensystem antwortet möglicherweise: Ich kenne sie wenigstens.
Wissen allein schafft deshalb noch selten dauerhafte Veränderung – Veränderung braucht ein Gefühl von ausreichender Sicherheit.

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Der Gewinn des Festhaltens
Der Begriff „Gewinn“ kann an dieser Stelle irritieren – schließlich fühlt es sich kaum wie ein Gewinn an, in einer belastenden Situation zu bleiben. Gemeint ist die Funktion, die das Festhalten erfüllt.
Eine Klientin kann zum Beispiel sehr genau wissen, dass sie in ihrer Beziehung unglücklich ist, und trotzdem gute Gründe haben zu bleiben. Die Beziehung gibt ihrem Leben Struktur. Sie bietet Vertrautheit und finanzielle Sicherheit. Sie bewahrt eine gemeinsame Geschichte und die Hoffnung, dass sich etwas verändert. Auch die Vorstellung, allein zu sein, kann Angst auslösen – dann schützt das Festhalten vor einem noch größeren, aktuell kaum vorstellbaren Schmerz.
Die hilfreiche Frage lautet deshalb weniger: Warum gehst du nicht? Hilfreicher ist: Was bewahrt dein Bleiben? Wovor schützt dich das Festhalten? Welche Angst müsste gesehen werden, bevor eine freie Entscheidung möglich wird? Das verändert den Blick. Aus Selbstverurteilung kann Neugier entstehen, aus Druck wird Verständnis – und aus Verständnis wächst manchmal Bewegung.
Ich kenne dieses Festhalten selbst
Während ich diesen Artikel schreibe, denke ich an eine Entscheidung, die mich lange begleitet hat: den Verlag meiner Familie zu verlassen. Eigentlich wusste ich längst, dass es nicht meine Aufgabe war, alles zu retten.
Andere hatten Entscheidungen getroffen, die nicht meine waren. Trotzdem glaubte ich, ich müsste ihre Folgen wieder in Ordnung bringen. Ich fühlte mich verantwortlich – für das Unternehmen, für die Mitarbeitenden, für die Geschichte meiner Familie. Als könnte ich etwas retten, das längst nicht mehr allein in meiner Hand lag.
Und genau darin lag der gute Grund meines Festhaltens. Verantwortung zu übernehmen gehört zu mir. Sie ist eine Stärke, auf die ich mich lange verlassen konnte – in dieser Situation führte sie nur dazu, dass ich Verantwortung trug, die gar nicht meine war.
Von außen hätte man sagen können: „Dann geh doch einfach.“ Von innen fühlte es sich an, als würde ich Menschen im Stich lassen, als würde ich versagen, als müsste ich nur noch ein wenig mehr tun, noch eine Lösung finden, noch einmal alles geben.
Mein Verstand wusste längst, dass ich gehen durfte. Innerlich brauchte ich länger.
Erst als ich verstanden habe, woran ich wirklich festhielt, entstand Bewegung. Ich hielt nicht nur am Verlag fest, sondern an meinem Bild von mir selbst: an derjenigen, die Verantwortung übernimmt, die Lösungen findet und die Dinge wieder in Ordnung bringt. Ich musste dieses Verantwortungsgefühl nicht abwerten – ich musste es verstehen und an seinen richtigen Platz rücken.
Irgendwann konnte ich mir sagen: Das ist ein Job. Er ist wichtig. Aber er ist nicht mein Leben. Und: Ich bin verantwortlich für meine Entscheidungen, nicht für die anderer Menschen.
Diese Klarheit hat mir erlaubt zu gehen. Ich ging, weil ich verstanden hatte, wo meine Verantwortung endete. Erst dadurch wurde mein nächster Schritt möglich.

Verstehen nimmt dem Festhalten seine Macht
Loslassen lernen bedeutet aus meiner Sicht nicht, Gefühle wegzuschieben oder sich zu etwas zu zwingen. Loslassen lernen beginnt mit dem Verständnis dafür, warum wir bisher festgehalten haben.
Viele Menschen beginnen dennoch mit Druck. Sie sagen sich: Ich müsste längst weiter sein. Ich weiß doch, was richtig wäre. Warum schaffe ich das nicht?
Damit entsteht ein innerer Kampf. Auf der einen Seite steht der Wunsch nach Veränderung, auf der anderen Seite arbeitet ein Schutzsystem, das gute Gründe für das Festhalten hat. Solange wir diesen Schutz bekämpfen, wird er häufig stärker oder hält sich hartnäckig.
Eine andere Haltung beginnt mit Anerkennung: Ich halte fest. Dafür gibt es einen Grund. Das ist eine Form von Selbstmitgefühl. Dieser Satz verändert viel – er macht aus Festhalten kein Versagen, sondern öffnet einen Raum, in dem wir genauer hinschauen können.
Was verliere ich, wenn ich gehe? Welche Rolle gebe ich auf? Welche Hoffnung müsste ich betrauern? Welche Sicherheit brauche ich, um einen anderen Schritt zu wagen? Welche Verantwortung gehört wirklich zu mir? Je klarer die Funktion des Festhaltens wird, desto freier kann eine Entscheidung werden.
Loslassen braucht manchmal ein anderes Wort
Vor einigen Jahren habe ich begonnen, für mich häufiger von Freigeben zu sprechen. Das Wort fühlt sich für mich aktiver und weiter an.
Ich gebe etwas frei. Ich würdige, was es einmal bedeutet hat. Ich erkenne an, warum ich daran festgehalten habe. Und ich schaffe Raum für Neues.
Für eine andere Entscheidung. Für Trauer. Für Erleichterung. Für eine neue Vorstellung von mir selbst.
Freigeben ist für mich keine bessere Wahrheit und auch keine neue Methode – der Begriff schafft lediglich etwas Abstand zu der Aufforderung, endlich loslassen zu müssen. Für dich passt womöglich ein ganz anderes Wort. Entscheidend ist, dass du einen Zugang findest, der dir erlaubt, bewusst wahrzunehmen, was in dir geschieht.
Denn Loslassen beginnt selten mit dem Wegschieben einer Erfahrung. Es beginnt mit dem Mut, sie anzuschauen.

Drei Fragen, bevor du etwas freigibst
Wenn du gerade an etwas festhältst, das dir Kraft kostet, können diese Fragen hilfreich sein:
- Was gibt mir das Festhalten im Moment?
- Was würde ich verlieren, wenn ich heute losließe?
- Was brauche ich, damit sich ein anderer Schritt sicher genug anfühlt?
Die Antworten müssen keinen sofortigen Entschluss ergeben. Manchmal braucht es zuerst Verständnis, manchmal Trauer, manchmal Unterstützung. Manchmal wächst eine Entscheidung langsam – und manchmal wird plötzlich spürbar, dass etwas, das wir lange festgehalten haben, heute gar nicht mehr dieselbe Aufgabe erfüllt.
Loslassen ist häufig die Folge von etwas anderem
Loslassen wird gerne als einzelne Entscheidung beschrieben. In meiner Erfahrung ist es häufiger das Ergebnis eines längeren inneren Prozesses: Wir erkennen, was uns gebunden hat. Wir verstehen, was das Festhalten geschützt hat. Wir würdigen die Strategie, die uns lange Sicherheit gegeben hat. Wir lernen, Sicherheit auf eine andere Weise herzustellen.
Und irgendwann entsteht ein Satz wie: Ich darf mich anders entscheiden. Dann geht es kaum noch darum, etwas gewaltsam loszulassen – etwas wird frei, weil wir verstanden haben, warum wir es so lange gebraucht haben, nicht, weil es plötzlich bedeutungslos geworden wäre oder alles geklärt ist.
Veränderung beginnt oft genau dort: bei der ehrlichen Frage, was wir durch das Festhalten bewahren, und bei der Erkenntnis, dass wir heute möglicherweise eine andere Form von Sicherheit finden können.
Manchmal braucht es Abstand, um klarer zu sehen
Manche Dinge lassen sich mitten im Alltag nur schwer betrachten. Zu viele Verpflichtungen, Erwartungen und vertraute Abläufe halten uns in Bewegung. Wir funktionieren weiter, obwohl wir längst spüren, dass etwas in uns Aufmerksamkeit braucht.
In meinem Surf & Soul Retreat entsteht eine Woche lang Raum für genau dieses Innehalten. Das Meer, das tägliche Surfen, die kleine Gruppe und die begleitende Soulwork helfen dabei, aus gewohnten Mustern herauszutreten und wieder deutlicher wahrzunehmen: Was trägt mich noch? Woran halte ich fest? Was gehört wirklich zu mir – und was darf langsam freier werden?
Du musst dort keine fertige Entscheidung treffen. Du darfst dich selbst wieder hören, deinen guten Gründen mit Respekt begegnen und neue Bewegung entstehen lassen. Im Oktober 2026 findet mein nächstes Surf & Soul Retreat in El Palmar statt. Alle Informationen findest du HIER.
2 Kommentare
Liebe Indira,
danke dir für deinen schönen Blogbeitrag.
Es hat viel mit „Grenzen setzen“ zu tun, was gerade uns Frauen immer wieder schwer fällt.
Herzliche Grüße aus Franken.
Brigitte
Danke für deine Wahrnehmung und deine Rückmeldung, liebe Brigitte.
Eine gesunde Grenzen zu setzen ist sicherlich auch Teil des Loslassens. Bei mir liegt der Fokus eher auf dem wieder bei mir ankommen und spüren, was ICH wirklich will und brauche – also ein klare Ja zu mir nicht nur denken und spüren, sonder auch verkörpern und ausdrücken.
Herzliche Grüße
Indira