It’s okay not to be okay. Ein Satz, der selbstverständlich klingt. Und trotzdem erlebe ich in meinen Coachings immer wieder, wie schwer es sein kann, ihn für sich selbst gelten zu lassen.
Vor mir sitzt ein Mensch, der seit Wochen erschöpft ist. Die Stimme ist leise, die Schultern hochgezogen, die Hände liegen ineinander verschränkt im Schoß.
Irgendwann fällt in vielen solchen Gesprächen dieses eine Wort:
Eigentlich.
Da sitzen Menschen vor mir und erzählen von der Erschöpfung, die morgens schon da ist. Von Traurigkeit, die sich nicht richtig erklären lässt. Von Situationen, die längst vorbei sind und trotzdem noch nachwirken. Von Angst, Überforderung oder dem Gefühl, gerade überhaupt nicht zu wissen, wie es weitergehen soll.
Und dann heißt es:
„Eigentlich müsste es mir doch gut gehen.“
„Eigentlich habe ich doch alles.“
„Eigentlich ist doch gar nichts Schlimmes passiert.“
„Andere haben viel größere Probleme.“
In diesem Moment geht es oft nicht mehr nur darum, dass es einem Menschen gerade schlecht geht. Es kommt etwas Zweites dazu: Scham.
Die Scham darüber, nicht glücklich genug zu sein. Nicht belastbar genug. Nicht dankbar genug. Das eigene Leben nicht gut genug hinzubekommen.
Und manchmal ist genau diese zusätzliche Last fast schwerer auszuhalten als das ursprüngliche Gefühl.
Denn Traurigkeit ist erst einmal Traurigkeit. Erschöpfung ist Erschöpfung. Angst ist Angst.
Schwer wird es oft in dem Moment, in dem daraus die Frage wird: „Was stimmt eigentlich nicht mit mir?“
Es ist nicht nur anstrengend, wenn es uns schlecht geht. Für viele wird es noch anstrengender, wenn sie glauben, sie dürften sich nicht so fühlen. Dann legt sich zur Erschöpfung, zur Angst oder zur Traurigkeit noch ein Urteil über die eigene Person.
Vielleicht hat das auch mit dem zu tun, was heute oft als toxische Positivität bezeichnet wird: mit der stillen Erwartung, möglichst schnell wieder positiv, dankbar oder lösungsorientiert zu sein – selbst dann, wenn es gerade etwas anderes braucht.
Kurzantwort:
Es ist in Ordnung, wenn es dir nicht gut geht. Erschöpfung, Angst oder Traurigkeit sind kein Beweis dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt – auch nicht, wenn du viel über mentale Gesundheit weißt oder bereits an dir gearbeitet hast. Scham entsteht oft dort, wo aus „Mir geht es gerade schlecht“ ein „Ich bin nicht stark, dankbar oder resilient genug“ wird. Resilienz bedeutet jedoch nicht, dass dich nichts trifft, sondern beweglich zu bleiben: wahrzunehmen, was gerade da ist, Unterstützung anzunehmen und Schritt für Schritt herauszufinden, was dir hilft.
It’s okay not to be okay – wirklich
„It’s okay not to be okay“ steht auf Postkarten, T-Shirts und Instagram-Kacheln. Der Satz ist so bekannt, dass er beinahe etwas abgenutzt klingt.
Und trotzdem scheint es gar nicht so leicht zu sein, ihn wirklich zu glauben.
Denn selbstverständlich ist es okay, nicht okay zu sein.
Bis du morgens aufwachst und keinen Antrieb hast.
Bis du auf einer Feier sitzt, auf der alle Spaß haben, und du am liebsten nach Hause möchtest.
Bis dein Leben von außen ziemlich gut aussieht und du trotzdem nicht glücklich bist.
Dann taucht schnell diese Frage auf:
Warum kann ich nicht einfach zufrieden sein?
Ich kenne diesen Gedanken auch aus meinem eigenen Leben. Es gibt Tage, an denen ich merke, dass meine Energie fehlt, ich dünnhäutiger bin oder Dinge mich stärker beschäftigen, als ich es gerne hätte.
Ich kenne inzwischen viele Möglichkeiten, mit solchen Zuständen umzugehen. Ich kann mich bewegen, atmen, rausgehen, ins Wasser gehen und wahrnehmen, was mein Körper gerade braucht. Ich kann reflektieren, was in mir passiert, und mich darin meist gut begleiten.
All dieses Wissen schützt mich trotzdem nicht davor, Tage zu haben, an denen es mir einfach nicht gut geht.
Und ich glaube inzwischen: Das soll es auch gar nicht.
Seit wann muss es uns eigentlich immer gut gehen?
Ich beschäftige mich beruflich viel mit mentaler Gesundheit. Und manchmal frage ich mich, ob wir ausgerechnet daraus die nächste Aufgabe gemacht haben, die wir möglichst gut erledigen sollen.
Wir sollen resilient sein. Achtsam. Selbstwirksam. Dankbar. Unsere Grenzen kennen. Unsere Bedürfnisse spüren. Unsere Trigger verstehen. Unser Nervensystem regulieren.
Ich halte all diese Dinge für wertvoll. Sie sind Teil meiner Arbeit.
Schwierig wird es dort, wo daraus ein Anspruch entsteht:
Wenn ich all das weiß und übe, müsste es mir doch gut gehen.
Nein.
Mentale Gesundheit bedeutet nicht, jeden Morgen ausgeglichen aufzuwachen und auch nach einem chaotischen und anstrengenden Tag noch tiefenentspannt aus dem Fenster zu schauen.
Resilienz bedeutet nicht, dass dich nichts mehr umhaut. Resilienz bedeutet, beweglich zu bleiben – auch dann, wenn es gerade wackelig wird.
Selbstregulation bedeutet nicht, dass du immer ruhig bleibst.
Und persönliche Entwicklung führt hoffentlich auch nicht dazu, dass du irgendwann keine unangenehmen Gefühle mehr hast.
Ein lebendiges Nervensystem reagiert auf das, was es als Belastung, Gefahr, Unsicherheit oder Überforderung einordnet. Manchmal passt diese Reaktion sehr deutlich zu dem, was gerade passiert.
Manchmal wird sie auch von früheren Erfahrungen, langem Stress oder vielen kleinen Belastungen geprägt, die sich über Wochen angesammelt haben.
Es fährt hoch und wieder herunter. Es lässt dich erschrecken, wütend werden, weinen, dich zurückziehen oder Verbindung suchen.
Nicht jede Reaktion fühlt sich gut an. Nicht jede Reaktion ist hilfreich. Aber sie ist nicht automatisch ein Beweis dafür, dass mit dir etwas falsch ist.
Wenn aus „Mir geht es schlecht“ ein „Mit mir stimmt etwas nicht“ wird
Scham macht etwas anderes mit uns als Traurigkeit oder Wut.
Wenn ich denke: „Ich habe etwas falsch gemacht“, kann ich mich mit meinem Verhalten auseinandersetzen. Eventuell kann ich etwas klären, mich entschuldigen oder beim nächsten Mal anders handeln.
Scham geht tiefer. Sie erzählt mir:
Ich bin falsch, so wie ich bin.

Und genau diese Bewegung beobachte ich im Coaching immer wieder.
Aus „Ich bin gerade überfordert“ wird: „Warum bekomme ich das nicht hin?“
Aus „Ich bin traurig“ wird: „Ich müsste doch dankbarer sein.“
Aus „Diese Situation hat mich verletzt“ wird: „Warum bin ich immer noch so empfindlich?“
Aus „Ich brauche gerade eine Pause“ wird: „Ich bin faul.“
Der Zustand bekommt eine Bewertung. Und diese Bewertung richtet sich irgendwann gegen die eigene Person.
Scham bringt viele Menschen dazu, leiser zu werden, sich zu verstecken oder sich zurückzuziehen. Andere suchen gerade dann besonders viel Rückversicherung. Gemeinsam ist oft die Sorge, als falsch, schwach oder zu viel gesehen zu werden.
Dabei hat dein Erleben meistens einen Zusammenhang.
Dein Nervensystem reagiert auf das, was du erlebt hast, auf das, was gerade um dich herum passiert, auf Belastung, Beziehungserfahrungen, Stress, Verlust oder Unsicherheit. Manchmal spielen auch körperliche Faktoren eine Rolle – zum Beispiel Schlafmangel, hormonelle Veränderungen, Erkrankungen oder Medikamente. Das sollte, wenn Beschwerden anhalten oder stark belasten, medizinisch abgeklärt werden.
Ich arbeite deshalb gerne mit einer anderen Frage.
Statt:
Was stimmt mit mir nicht?
frage ich:
Was macht es verständlich, dass ich gerade so reagiere?
Diese Frage verschiebt den Blick. Weg vom vermeintlichen Defekt. Hin zu einem möglichen Zusammenhang.
Dann muss ich mich nicht mehr sofort bekämpfen. Ich kann anfangen, mich zu verstehen.

Du funktionierst. Du bist für andere da.
Aber wann warst du zuletzt wirklich bei dir?
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Du brauchst keinen guten Grund, damit es dir schlecht gehen darf
Einer der Sätze, die mich im Coaching besonders hellhörig machen, ist:
Aber anderen geht es doch viel schlechter.
Ja. Vermutlich.
Irgendwo auf der Welt wird es fast immer einen Menschen geben, dessen Situation objektiv schwerer ist als deine. Nur verändert das dein Erleben gerade nicht.
Schmerz lässt sich schlecht in einer Rangliste sortieren.
Du musst dein Leiden nicht erst rechtfertigen, damit es ernst genommen werden darf.
Du darfst erschöpft sein, obwohl du einen Job hast, den du eigentlich magst.
Du darfst traurig sein, obwohl du geliebt wirst.
Du darfst dich einsam fühlen, obwohl Menschen um dich herum sind.
Du darfst Angst haben, obwohl dein Kopf längst verstanden hat, dass du gerade sicher bist.
Du darfst einen schlechten Tag haben, ohne daraus sofort ein Entwicklungsprojekt zu machen.
Manchmal war der Tag einfach scheiße.
Das darf auch mal die ganze Erkenntnis sein.
Gefühle sind keine Fehlermeldungen
Ich glaube, wir behandeln unangenehme Gefühle manchmal wie Warnlampen im Auto.
Da leuchtet etwas auf – also muss es weg.
Schnell regulieren. Atmen. Meditieren. Journal schreiben. Einen Glaubenssatz finden. Den Trigger analysieren.
Diese Dinge können hilfreich sein. Ich nutze vieles davon selbst und auch in meiner Arbeit.
Nur möchte ich sie nicht gegen mich einsetzen.
Wenn ich eine Atemübung mache, damit dieses nervige Gefühl endlich verschwindet, steckt darin manchmal immer noch dieselbe Botschaft:
So, wie ich gerade bin, bin ich nicht richtig.
Manchmal hilft es nicht, sofort etwas zu tun. Manchmal hilft es zuerst, anzuerkennen, wie es gerade ist.
So ist es gerade.
Das tut weh.
Das macht mich wütend.
Ich bin erschöpft.
Ich weiß gerade nicht weiter.
Und dann kann die nächste Frage kommen:
Was brauche ich jetzt?
Vielleicht ist eine Atemübung dann hilfreich oder ein Spaziergang, mehr Schlaf, gutes Essen, Bewegung, ein Gespräch oder eine Pause. Und vielleicht braucht es aber auch keine schnelle Lösung, sondern erst einmal Raum.
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Akzeptieren heißt nicht, dass alles so bleiben muss
„It’s okay not to be okay“ bedeutet nicht, Leiden zu romantisieren.
Du kannst anerkennen, wie es gerade ist, und trotzdem etwas verändern wollen.
Wenn du seit Wochen kaum noch Freude empfindest, dich immer weiter zurückziehst, dein Alltag zunehmend schwerfällt oder du merkst, dass du alleine nicht mehr gut aus diesem Zustand herauskommst, darf Unterstützung dazukommen.
Dann kann ein Gespräch mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt, einer psychotherapeutischen Praxis oder einem fachlich passenden Beratungsangebot ein guter nächster Schritt sein.
In meiner Arbeit als systemische Traumafachberaterin und EMDR-Coach ist es mir wichtig, deshalb die Grenzen von Coaching klar zu benennen. Coaching kann ein Raum sein, um Zusammenhänge besser zu verstehen, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen und nächste Schritte zu sortieren.
Es ersetzt keine Psychotherapie und keine medizinische Abklärung, wenn Beschwerden anhalten, sich verschlimmern oder den Alltag deutlich beeinträchtigen.
Akzeptanz und Veränderung schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Veränderung wird oft leichter, wenn der innere Kampf etwas leiser wird.
Dann geht es nicht mehr nur darum, möglichst schnell wieder zu funktionieren.
Dann können andere Fragen entstehen:
Was brauche ich gerade wirklich?
Was belastet mich?
Was versuche ich schon viel zu lange auszuhalten?
Wo brauche ich Unterstützung?
Was würde mir heute guttun?
Und manchmal lautet die Antwort auch einfach: schlafen, weinen, jemanden anrufen, spazieren gehen oder für heute nichts mehr lösen.
Wenn du Angst hast, dir etwas anzutun, oder dich akut nicht sicher fühlst, hol dir bitte sofort Unterstützung. In Deutschland erreichst du im Notfall den Notruf unter 112 und die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos, anonym, rund um die Uhr. Medizinische Hilfe außerhalb der Sprechzeiten vermittelt der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117. Du kannst dich außerdem an eine Krisenhilfe oder den sozialpsychiatrischen Dienst in deiner Stadt oder deinem Landkreis wenden
Was, wenn mit dir auch dann alles stimmt?
Dieser Gedanke begleitet meine Arbeit schon lange:
Was, wenn mit dir alles stimmt?
Damit meine ich nicht, dass sich alles gut anfühlen muss.
Ich meine auch nicht, dass jede Reaktion hilfreich ist oder dass du nichts verändern kannst.
Ich meine etwas anderes.
Was, wenn dein momentanes Erleben kein Beweis dafür ist, dass mit dir etwas falsch ist?
Was, wenn deine Erschöpfung einen Zusammenhang hat?
Was, wenn deine Angst verständlich wird, wenn du genauer hinschaust?
Was, wenn deine Traurigkeit Raum braucht, statt sofort gelöst zu werden?
Was, wenn du dich heute nicht zusammenreißen, optimieren oder möglichst schnell wieder in einen besseren Zustand bringen musst?
Dann darf der Satz „It’s okay not to be okay“ mehr sein als ein schöner Spruch auf einer Postkarte.
Er darf heißen:
Heute geht es mir nicht gut.
Und ich muss mich dafür nicht auch noch schämen.
Manchmal ist genau das ein ziemlich guter Anfang.
Wenn du merkst, dass du gerade nicht nur einen schlechten Tag hast, sondern dich in Erschöpfung, Angst, Selbstabwertung oder alten Mustern festgefahren fühlst, kann Coaching ein Raum sein, um genauer hinzuschauen: Was macht deine Reaktion verständlich? Was brauchst du gerade wirklich? Und was könnte dich unterstützen?
Wenn du unsicher bist, ob Coaching dafür der passende Rahmen ist, lässt sich auch das in einem unverbindlichen Erstgespräch ehrlich klären.
